
Gemischtwarenhandel Hartlieb
Gemischtwarenhandel Hartlieb
Auf Ihrem Spaziergang auf der Valerie Promenade Richtung Alt Böckstein überqueren Sie jetzt die Brücke der Valeriepromenade zum Karl Imhof-Ring und kommen somit nach Altböckstein.
Rechts von Ihnen befindet sich das Haus Hartlieb.
Gemischtwarenhandel Hartlieb (ehemalige Adresse war Böckstein 187)
Dr. August Hartlieb erzählt wie folgt: „Meine Eltern Josef Hartlieb (*1907†1974 und Franziska (*1908†1996) haben in Altböckstein seit den späten 1920er-Jahren eine Gemischtwarenhandlung betrieben, heute würde man dazu vielleicht "Greisslerei" sagen. Im knapp 40 m² großen Geschäft "Karl-Imhof-Ring 18, früher Böckstein 187" gab es noch ein Verkaufspult (früher "Budel" genannt) in L-Form, dahinter waren viele Regale und Schubladen, denn die meisten Verkaufsartikel wurden lose oder zumindest in größeren Verpackungseinheiten geliefert. Dann musste man die Waren in kleine Säcke, Dosen oder Flaschen umfüllen. So gab es z. B. Feinkristallzucker in einer eigenen hölzernen "Zuckerlade", aus der dann die gewünschte Menge auf einer der 2 Waagen eingewogen wurde. Mein Bruder Franz und ich gingen Ende der 50er-Jahre dazu über, ungefähr 10 -20 Säcke zu je 1 und 2 kg Zucker schon vorher einzuwiegen, sodass der Verkaufsvorgang beim Kunden abgekürzt wurde. Sehr begehrt war Würfelzucker, der in einem 25 kg schweren Starkkarton geliefert wurde.
Als Kinder konnten wir im Geschäft viel entdecken, z. B.: in welchen Fächern waren das glatte Mehl, das griffige Mehl und die Kleie - alle waren in loser Form geschüttet und mussten dann wieder abgewogen und eingesackt werden. Würste und Speck hingen anfangs noch auf einem sogen. Fleischbrett an der Wand, in den 50er-Jahren ersetzte mein Vater einen Teil der Budel durch eine Kühltheke. Aufregend waren die vielen kleinen Schubladen mit den Gewürzen. Der Geruch der Gewürze ist selbst heute noch bestimmbar, obwohl das Geschäft bereits seit Anfang der 1970er Jahre geschlossen ist.
Magazin und Keller
Interessant ist auch das, was man nicht im Geschäftslokal sehen konnte, das aber trotzdem zum Betrieb des Gemischtwarengeschäftes erforderlich war. Im unmittelbar an das Geschäftslokal anschließenden „Magazin" standen ein sehr effizienter, aber altertümlich aussehender Kühlschrank und viele Regale mit jenen Waren, die nicht tagtäglich gebraucht wurden oder die als Reserve dienten, und mit denen die Fächer/Regale im Geschäftslokal wieder aufgefüllt werden konnten. Im Keller befand sich ein Lagerraum für Erdäpfel. Mein Vater kaufte bis nach dem 2. Weltkrieg eine ganze Eisenbahnwaggon-Ladung Kartoffeln - meist in Pusarnitz/Kärnten - und lieferte sie dann mit dem Handwagen vom Bahnhof Böckstein zum Haus, wo sie durch das Kellerfenster in den Lagerraum geschafft wurden. Später lieferte der Großhandel die losen Kartoffeln im LKW. Im „Kartoffelkeller " befand sich auch ein großes Fass mit Sauerkraut. Wenn man Sauerkraut verkaufte, musste man zuerst den schweren Stein herunterheben, mit dem der Deckel des Sauerkrautfasses beschwert war, damit das gesamte Sauerkraut ja schön mit dem Sauerkrautsaft bedeckt und daher auch lange haltbar war. Dann den Deckel herunterheben, das Sauerkraut in die - von den Kunden mitgebrachte - Schüssel geben und den Deckel wieder mit dem Stein beschweren.
Der 2. Kellerlagerraum war der sogen. „Apfelkeller". Neben den Äpfeln waren hier viele andere Waren gelagert, u. a. auch die großen Ballongläser, die zumeist mit Weidengeflecht umwunden waren, um sie vor Bruch zu schützen. In diesen Ballons waren Spirituosen wie Obstschnaps oder Rum in Mengen von 10 - 20 l eingefüllt. Diese Ballons wurden in 2-3l-Flaschen zum Verkauf umgefüllt. Das Leben der Bergwerksleute der „Gewerkschaft Radhausberg" und der Bauern auf den Almen zeigte sich auch in deren Nachfrage z. B. nach Glasstutzen für Petroleumlampen und Petroleum selbst.
Als anfangs der 1960er Jahre immer mehr Waren in kleineren Verpackungseinheiten geliefert und manche Waren nicht mehr benötigt bzw. verkauft wurden, haben mein Bruder und ich diesen Kellerraum teilweise ausgeräumt und Holzregale für die- nun immer mehr - angelieferten Kartons eingebaut. Bei allem war wichtig, auf die Haltbarkeit und Genießbarkeit der Waren zu achten. Das Mehl durfte nicht in kühlen oder feuchten Räumen gelagert werden. So schleppte mein Vater die 100 kg-Mehlsäcke in den Dachboden, der trocken und luftig war. Das Speiseöl wurde in 150 - 200 kg schweren Ölfässern geliefert. Jede Lieferung war mit einem gefährlichen Balanceakt verbunden, denn das Ölfass musste über die Kellerstiege hinunter in den Lagerraum geschafft werden. Jedes Auffüllen von Öl in die handliche 5 l-Flasche fürs Geschäft war nervenaufreibend, denn vom großen Ölfass musste der Verschluss aus dem Gewinde herausgeschraubt werden, und der Verschluss durfte nicht hinunterfallen. Die Ölflasche wurde mittels Trichter gefüllt und das Ölfass musste dann wieder durch das Eindrehen des Verschlusses in das Gewinde des Ölfasses geschlossen werden. Große Umwälzungen des Geschäftsbetriebes brachten der verstärkte Einsatz von Verpackungen aller Art, ob für bisher in großen Säcken gelieferte Waren wie Mehl oder Zucker oder die verschiedensten Öle.
Ganz einschneidend war die Einführung des Haltbarkeitsdatums. Nicht jede Ware verkaufte sich in unserem Geschäft so schnell wie in den aufkommenden Supermärkten. Wir hatten eine relativ große Anzahl unterschiedlichster Lieferanten. Vertreter dieser Lieferanten besuchten unser Geschäft und berieten meinen Vater. Ich hatte den Eindruck, dass meinem Vater die Qualität und die Haltbarkeit, der von ihm im Geschäft angebotenen Waren wichtig waren. Das haben mir auch nach der Schließung unseres Geschäftes in den 70er-Jahren viele ehemaligen Kunden bestätigt, wenn ich sie bei ihren Spaziergängen auf der Promenade von/nach Bad Gastein getroffen habe und sie diesen Spaziergang oft mit einem speziellen Einkaufswunsch „beim Hartlieb" verbunden haben.
Frühstückspension Hartlieb
Noch ein interessantes Detail: Bis zum Ausbau unseres Hauses zu einer „Frühstückspension" in den 1950er Jahren wurde das Haus mit einzelnen Öfen beheizt. So stand im Geschäftslokal ein sogen. Kanonenofen, der mit Holz und Kohle beheizt wurde. Die Inbetriebnahme des Heilstollens Anfang der 1950er Jahre war für meine Eltern ein Anreiz, den Geschäftsbetrieb mit einer Frühstückspension zu erweitern. Dabei wurde die Einzelofenheizung durch eine mit Koks befeuerte Zentralheizung ersetzt.
Die 5 Kinder im Geschäftshaushalt Hartlieb haben alle eine gute Schulausbildung erhalten. Das war unseren Eltern sehr wichtig. Die auf-gezeigten Veränderungen in Geschäftsbetrieb, die stärker werdende Konkurrenz durch Supermärkte, die erhöhte Mobilität der Kunden und viele andere Faktoren haben meinen Vater bewogen, die Gemischtwarenhandlung in der ersten Hälfte der 70er-Jahre zu schließen. Unsere Mutter führte nach dem Tod unseres Vaters die Frühstückspension noch einige Jahre weiter, solange ihr Alter dies zu-ließ. Aber was nun? Als mein Bruder Franz die Geschäftsführung der Heilstollen Betriebsgesellschaft und der Gewerkschaft Radhausberg übernahm, war dies für uns Geschwister eine Herausforderung und Chance, das gesamte Haus einer Generalsanierung zu unterziehen. Ich bewohne mit meiner Familie das Erdgeschoss. Bei der Generalsanierung Ende der 1990er-Jahre haben meine Frau und ich uns dafür entschieden, einen Großteil der ursprünglichen Geschäftsregale tischlermäßig zu sanieren und nicht einfach herauszureißen. Damit stellt heute dieser Wohnraum noch eine intensive Verbindung zum seinerzeitigen Geschäft und dem Geschäftsbetrieb her. Und wenn man wie schon erwähnt vor allem bei den ehemaligen Gewürzladen anzieht, strömt einem noch immer der Duft der vor vielen Jahren dort gelagerten Gewürze entgegen und entführt in eine andere, heute in Böckstein nicht mehr existierende Welt. Blicke ich heute (2021) auf die Böcksteiner Geschäftswelt zurück, so sehe ich, dass nicht nur unser Geschäft und die Frühstückspension geschlossen wurden, sondern dass es in Böckstein viele Geschäfte, Betriebsstätten von Gewerbetreibenden und Gasthäuser sowie kulturelle Einrichtungen nicht mehr gibt.“ Hartlieb hatte auch Tabaktrafik-Rechte.
Fußnoten/Quellen:
[1] Schriftverkehr per E-Mail 7. Feb 2021 mit Dr. August Hartlieb. Text von ihm erfasst.
[1] Eintrag Herold Adressbuch 1957 wegen Tabakrechte



